Ich habe keine Prinzipien

… ist eine Ausspruch von Karl Lagerfeld, dessen ironische Art ich unglaublich unterhaltsam finde. Alle paar Monate mache ich darum einen Karl-Lagerfeld-Marathon, bei dem ich mir alle seine Interviews  auf Youtube reinziehe :). Aber das soll hier nicht das Thema sein.

Es geht um Prinzipien. In letzter Zeit bin ich immer öfters dazu übergegangen, bestimmte Labels von mir fernzuhalten. Labels wie „Vegetarierin“ oder „öko“ zum Beispiel. Eben als hätte ich keine Prinzipien.

Ich muss dazu vielleicht ein bisschen weiter ausholen. Über die Frage, was richtig und falsch ist, mache ich mir schon Gedanken, seit ich denken kann. Ich finde es intellektuell eine der spannendsten Fragestellungen überhaupt und diskutiere auch sehr gern die Widersprüche, die bei solchen heiklen Themen aufkommen.

Zu den „richtigen“ Dingen gehört natürlich auch der Themenbereich Nachhaltigkeit und alles, was dazu gehört. Nehmen wir zum Beispiel mein Label „Vegetarierin“. Ich habe vor ein paar Jahren beschlossen, dass ich nur noch wenig Fleisch konsumieren möchte (wegen Klimawandel und Welternährung) und ausschließlich Fleisch aus vertrauten Quellen (wegen der Tierhaltung). Nachdem ich dann ein paar unangenehme Gespräche mit Menschen hatte, denen ich anscheinend das Gefühl gegeben hatte, ihr Fleisch sei nicht gut genug für mich, beschloss ich, mir das Label „Vegetarierin“ zu geben. Macht die Sache klarer und einfacher. Es gibt zwar immer noch überproportional viele moralische Gespräche beim Essen, aber nicht mehr so persönliche. Und meine Salami konnte ich mir ja trotzdem noch ab und zu beim Metzger holen.

Ich dachte, ich hätte den sozialen Frieden wiederhergestellt, jede_r tut, was er oder sie für richtig hält und wir haben uns alle wieder lieb. Denkste. Plötzlich war die vegane Ernährung in aller Munde. Auch ich habe sie mal ein paar Tage ausprobiert, mich aber wieder davon abgewendet. Die Erfahrung hat mich aber auf die Problematik von tierischen Produkten aufmerksam gemacht und ich weiß nun, dass Käse statt Wurst eben auch nicht die Lösung ist. Pflanzen sind Trumpf. Aber als Naturwissenschaftlerin bin ich aber überzeugt von der Interdependenz des Ökosystems und den Nahrungskreisläufen und find emoralisch nichts falsch am Verzehr von Fleisch und Käse. Nichts desto trotz kann ich die Argumente von Veganer_innen nachvollziehen und den intellektuellen Hintergrund schätzen.

Nun polarisiert die vegane Ernährung sehr. Und statt sozialem Frieden beim Mittagessen fand ich mich nun immer öfters in Diskussionen über den Sinn und Unsinn von veganer Ernährung. Der Höhepunkt war eine Bekannte eines Arbeitskollegen, die ich nie zuvor gesehen hatte. Nachdem ich mich beim Grillen als Vegetarierin geoutet hatte, hielt sie mir einen Vortrag über die veganen Käse- und vor allem Wurstersatzprodukte und wie unmöglich sie die fand. Es ging in die Richtung, „entweder ganz oder gar nicht“ und ihr implizierter Vorwurf war natürlich, dass Menschen, die von solchen Produkten Gebrauch machen, nur so tun, als wären sie „echte“ Vegetarier/Veganerinnen. Ja, nett, dich kennen zu lernen übrigens.

Ich habe einfach keine Lust mehr. Ich führe kaum noch differenzierte Gespräche über die Widersprüche, die sich beim Versuch, das Richtige zu tun, ein gutes Leben zu führen, auftun. In 99% aller Diskussionen haben sich die Menschen vorher keine Gedanken gemacht und schmeißen einem Moralbrocken hin, die sie irgendwo aufgeschnappt haben.

Dasselbe erlebe ich in der Diskussion um „Chemie“ und Plastik. Chemie ist erst mal eine Naturwissenschaft, die erklären kann, wie die Dinge um uns herum aufgebaut sind (zwar nicht so gut wir Physik, aber immerhin ;-)). Auch sind nicht alle chemischen Inhaltsstoffe böse. Hier ein Beispiel von einer Banane. Da sind sogar E-Nummern drin!!!!11111einself

All natural banana

Auf der anderen Seite bin ich sehr kritisch, was die Verwendung von bestimmten Inhaltsstoffen in Kunststoffen angeht (BPA, Weichmacher, Flammschutzmittel, alles, bei dem wir noch nicht wissen, wie es sich verhält). Das muss besser kontrolliert werden, nicht jedes neue Material darf sofort mit Lebensmitteln in Berührung kommen. Ich habe lieber Glasgefäße als Tupperdosen. Und ich hasse die Verschwendung von Kunststoffen/Erdöl als Wegwerfverpackungen, wenn Erdöl knapp ist und wir die Kunststoffe für wichtigere Dinge brauchen, wie zum Beispiel in der Medizin.

Aber die Schwarz-Weiß-Diskussion nervt mich.

Und ich lasse mich immer seltener darauf ein. Ich habe meinen moralischen Kompass und ich habe auch eine Meinung. Aber in den 99% der Fälle, in denen jemand nur auf meinen moralischen Widersprüchen herumpicken möchte, mache ich nicht mehr mit.

Mein einziges Argument ist dann: „Ich habe keine Prinzipien.“ Das ist ein Totschlagargument. Niemand kann an meinen Prinzipien zweifeln, wenn ich keine habe. Und ich grinse in mich hinein, während sich die Verwirrung im gerade noch so selbstsicheren Gesicht meines Gegenübers breit macht.

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3 Gedanken zu “Ich habe keine Prinzipien

  1. Ich finde es gibt einen Unterschied zwischen diskutieren und rechtfertigen. Und das, was ich so rauslese, ist Rechtfertigung. Und das sollte nicht nötig sein. Ist echt nicht einzusehen.

    Ich habe keine Prinzipien als Synonym für „ich mache es so wie ich es für richtig halte“

    lg
    Maria

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  2. Hallo Marisa,

    solche Dilemma treten natürlich ab und zu auf.

    Was mir selbst häufig sowohl in Diskussionen als auch im persönlichen Hin- und Hergerissensein hilft, ist, deutlich zu zeigen, dass man keine Lösung zur Rettung der Welt parat hat, aber sich sehr viel damit auseinandersetzt und auch klar zu machen, was die eigene Motivation dahinter ist.

    Ich glaube, dass Menschen häufig dann so reagieren, wenn sie sich persönlich angegriffen fühlen. Das tust du natürlich nicht bewusst, aber du hast ja selbst schon geschrieben, dass du gefühlt hattest, dass jemand dachte, seine Wurstwaren seien nicht gut genug für dich.

    Meiner Meinung nach ist es deshalb sehr wichtig, zu zeigen, dass man selbst Schwächen hat und nicht perfekt ist, um keinen elitären Eindruck zu hinterlassen. Der kann sonst schnell eine Verteidigungshaltung hervorrufen.

    Alles Liebe,
    Philipp

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    • @Maria
      Klar, das „ich habe keine Prinzipien“-Prinzip 🙂 ist meine Art, darauf zu reagieren, wenn jemand mich angreift, so dass jede ehrliche Antwort eine Rechtfertigung wäre. Da hast du Recht. Mir ist aber aufgefallen, dass mit zunehmender Popularität von „guten Lebensweisen“ in der Öffentlichkeit, immer mehr Menschen meinen, eine „Diskussion“ mit mir starten zu müssen. So kommt es, dass 99% aller Diskussionen nun mit „Ich habe keine Prinzipien“ beendet werden. Eigentlich schade, aber auch ein bisschen witzig :).

      @Philipp
      Diese Meinung hatte ich auch mal. Aber ich bin es leid, mir Mühe zu geben „keinen elitären Eindruck zu erwecken“. Ich verurteile niemanden für seine/ihre Lebensweise und ich bin auch keine Rebell. Mir ist der soziale Friede mit meinen Mitmenschen sehr wichtig. Darum ist meine Strategie nun, die Diskussion auf die witzige Ebene zu ziehen, sobald ich merke, dass jemand nicht wirklich an dem Thema interessiert ist. Humor ist, wenn man trotzdem lacht :).

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