Keine Zeit oder keine Priorität?

Schon vor ein paar Wochen habe ich in den Weiten des Internets auf einem Blog von einer interessanten Übung gelesen, an die ich oft im Alltag denken muss.

Die Übung besteht darin, den Satz: „Ich habe keine Zeit“ zu ersetzen durch „Das hat zurzeit für mich keine Priorität“.

Das ist aus vielen Gründen ein spannendes Experiment:

1. Du bemerkst erst mal, wie oft du „Ich habe keine Zeit“ eigentlich sagst. Sehr oft als Gesprächsfloskel oder Worthülse. Wahlweise ersetzt durch „Ich bin im Stress“ und meistens mit einem angehängten „…, tut mir leid“. Sehr erhellend.

2. Du bemerkst dasselbe auch bei anderen! Keine Zeit zu haben, scheint also eine soziale Konvention zu sein.

3. Du reflektierst viel mehr über deine Prioritäten. Teil der Übung ist ja, stattdessen „Das hat für mich zurzeit keine Priorität“ zu sagen. Jetzt musst du überlegen: Ist das so? Verbringst du deine Zeit mit den Dingen, die für dich am Wichtigsten sind?
Wenn deine Freundin dich fragt, ob du ihre Abschlussarbeit Korrektur liest oder du deine Eltern schon länger nicht besucht hast, sind vielleicht alle verständnisvoll, wenn du „keine Zeit“ hast. Aber zu sagen, dass „das zurzeit nicht deine Priorität ist“? Ist schon härter. Da hilft auch kein nachgeschobenes „…, tut mir leid“.
In der Prüfungsphase oder in einer stressigen Arbeitswoche werden auch alle Verständnis haben. Aber als Normalzustand sicher nicht. Genau dazu ist unser „Ich habe keine Zeit“ aber geworden (siehe Punkt 1 und 2).

4. Es fällt leichter, auch mal eine interessante Veranstaltung saußen zu lassen. Im Englischen gibt es den schönen Satz „You can do anything but you cannot do everything“, den man leider in seiner Eleganz nicht sehr gut ins Deutsche übersetzen kann. Sinngemäß, wenn auch etwas holprig übersetzt meint er „Du kannst aus allen Optionen wählen, aber du kannst nicht alle Optionen wahrnehmen“. Wir haben heute auf allen Lebensgebieten so viele Wahlmöglichkeiten, dass wir oft mehr Optionen wählen, als uns gut tun. Wir müssen strikteres Auswählen lernen.
Und genau dabei hilft der „Prioritäten“-Satz: Wenn du dir bewusst machst, dass der Vortrag zur Stadtentwicklung der Zukunft dich zwar interessiert, du aber zurzeit eben andere Prioritäten hast (den wöchentlichen Blogartikel schreiben), dann macht es die Entscheidung gegen eine Option leichter. Du bist trotzdem noch die Person, die sich für Stadtentwicklung interessiert, auch wenn du zurzeit volle Kraft in deinen Blog steckst. Die Prioritäten sind klarer.

5. Du wirst dir bewusst, dass du selbst bestimmst, wie du dir deine Zeit einteilst. Mit der Zeit ist dir das mit den Prioritäten so ins Hirn gebrannt, dass du viel freier und schneller und vor allem ohne schlechtes Gewissen Absagen und Zusagen geben kannst. Meine „Vielleicht“-Zusagen haben sich drastisch verringert. Entweder es passt oder eben nicht. Eine wichtige Fähigkeit, weswegen ich den Beitrag auch in die Kategorie „Skills“ geordnet habe.

 

Probiert’s mal aus! Und keine Angst, bisher leben noch alle, die sich getraut haben, Kommentare zu schreiben. Also teilt mir und den anderen Leser_innen mit, wie’s euch damit geht.

 

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