Sind wir alle die, die nachher von nichts gewusst haben? Mein Beitrag zur Flüchtlingsdebatte

Heute muss ich außerplanmäßig einen Beitrag zu einem Thema schreiben, das mir in letzter Zeit keine Ruhe lässt.

Flüchtlinge in Deutschland.

Wie schnell die Stimmungslage in den letzten paar Monaten gekippt ist, macht mir Angst. Adam beschreibt in seinem Beitrag gut, wie sich beim Thema Flüchtlinge schleichend die Wahrnehmung der Menschen verschoben hat. Wie Straftaten gegen Flüchtlinge kleingeredet werden, Straftaten von Flüchtlingen hingegen pauschalisiert werden. Wie davon geredet wird, das „auch mal durchgegriffen werden muss“.

Diese Sprache findet man nicht nur bei offen rechtsextremen Menschen, sondern immer mehr in der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Sobald das Thema Flüchtlinge aufkommt, scheint die Empathie wie ausgeschaltet. Eine Abwehrhaltung, ein „Ja, aber…“ erstickt jedes Gespräch, jede Lösungsfindung im Kern. Man will kein Gespräch über die Zustände in den Flüchtlingsheimen, darüber, dass diese Menschen aus perspektivlosen, oft traumatischen und sogar lebensbedrohlichen Situationen hier in eine Atmosphäre der Ablehnung kommen. Man will sich nicht damit beschäftigen. Man will die Flüchtlinge nicht.

Wir wollen die Flüchtlinge nicht. „Unsere Kassen sind leer. Uns werden auch Sozialleistungen gekürzt.“ „Wir mussten auch hart für unseren Wohlstand arbeiten.“ „Was haben die eigentlich jemals für uns getan?“ „Jetzt kommen die und wollen unser Geld. Wir können uns nicht um alle kümmern.“

Ich werde traurig und wütend, wenn ich diese Argumente höre. Kein Mensch, der so argumentiert, hat sich die Zahlen angeschaut. Ist rational zu dem Entschluss gekommen, dass „wir uns das nicht leisten können“. Es gibt genug öffentlich zugängliche Informationen, die belegen, dass Deutschland nicht an der Speerspitze steht, wenn es darum geht, Flüchtlinge aufzunehmen und sich auch nicht mit Ruhm bekleckert, was die Unterbringung und Versorgung der Flüchtliche angeht. Die Schweiz nimmt im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr Flüchtlinge auf als Deutschland, gar nicht zu sprechen von den direkten Nachbarländern der Krisengebiete. Wer sich ernsthaft Sorgen macht, ob Deutschland überhaupt in der Lage ist, dem steht das gesamte Internet offen, sich zu informieren. Ich werde darum darauf verzichten, alle Links, die mir in den letzten Wochen in der Timeline und in den Zeitungen über den Weg gelaufen sind, noch einmal rauszusuchen.

Wir müssen uns klar machen, dass es uns in Deutschland verdammt gut geht. Flüchtinge kommen hier her, weil in ihrer Heimat Krieg herrscht und hier bei uns nicht. Flüchtlinge kommen hier her, weil Diskriminierung in ihrer Heimat bedeutet, dass ihre Nachbarn ihnen das Haus anzünden und sie hier „nur“ sozial ausgegrenzt werden. Flüchtlinge kommen hier her, weil sie Talente oder sogar eine Ausbildung haben, es in ihrem Heimatland aber keine Perspektive gibt, mit diesen Talenten zur Gesellschaft beizutragen.

Und auch wenn wir die Kriegsflüchtlinge noch dulden würden, dann jammern wir über die bösen Wirtschaftsflüchtlinge. Dabei ist oft die einzige Chance, in Deutschland bleiben zu dürfen (wenn auch nur geduldet), um Asyl zu bitten. Eine vernünftige Einwanderungspolitik lässt immer noch auf sich warten. Denn Überraschung, wir wollen auch keine Einwanderer. Auch wenn 44% der seit 2011 Eingewanderten einen Hochschulabschluss haben, im Gegensatz zu 24% der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund. Einwanderung würde Deutschland objektiv gut tun. Stichwort Geburtenrückgang, Rentensystem, Fachkräftemangel etc.

Doch das interessiert uns alles nicht.

Erschreckenderweise interessiert uns auch nicht, dass „Asylkritiker“ Demonstrationen vor Flüchtlingsheimen abhalten dürfen, während (!) Flüchtlinge ankommen. Es interessiert uns nicht, dass „Asylkritiker“ reihenweise Flüchtlingsheime und Scheunen von engagierten Nazigegnern anzünden. Dass sie in den sozialen Netzwerken ungestört hetzen und sich dabei beim Nazi-Wortschatz bedienen, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Dass die Politik sich sich mit Ausflüchten um das Thema drückt oder es zur Profilbildung benutzt.

Wo ist die große Empörung? Sind wir alle die, die nachher von nichts gewusst haben? Deutschland ist kein Musterland. Deutschland hat mit seiner Ausländerfeindlichkeit schon einmal vielen Menschen sehr großes Leid zugefügt. Deutschland konnte sich nach dem Krieg nur so schnell erholen, weil die Siegermächte eben nicht sagten „Was haben die eigentlich für uns getan?“. Wir verdanken unseren heutigen Wohlstand nicht nur „harter Arbeit“, sondern vor allem dem Wohlwollen anderer Länder, die für uns gute Startbedingungen geschaffen haben.

Ich könnte hier auch noch ein ganzes Kapitel darüber schreiben, wie sich die „Das Boot ist voll“-Haltung auch in der Greichenland-Debatte wiederfindet, aber das erspare ich euch.

Die Wahrheit ist: Brennende Flüchtlingsheime interessieren uns nicht, weil wir Rassisten sind. Wir wollen keine Flüchtlinge und keine Einwanderer, weil wir ausländerfeinlich sind.

Wir wollen das nicht wahrhaben, denn es ist nicht schön. Lieber suchen wir „objektive Gründe“. Darum wollen wir die Zahlen auch gar nicht wissen, wie wollen uns nicht mit der Thematik beschäftigen, wie vertrauen auf unseren „gesunden Menschenverstand“.

Trotzdem sind wir ausländerfeindlich. Die Symtome sind eindeutig.

Wenn wir das nicht auf uns sitzen lassen wollen, müssen wir aufhören, „Ja, aber“ zu sagen und ganz klar Position dazu beziehen, dass Flüchtlinge hier willkommen sind und wir von der Politik erwarten, dass eine Infrastruktur geschaffen wird, die human mit Flüchtlingen umgeht. Wir müssen Empathie zulassen und sogar einfordern in dieser Debatte. Wir müssen uns empören über Gewalt gegen Flüchtlinge und sie nicht relativieren.

Eine besondere Bitte habe ich an die, die sich mit mir empören über die ausländerfeindliche Stimmung, die Flüchtlinge willkommen heißen, aber bis jetzt noch nicht aktiv waren. Wenn Häuser brennen, reicht es nicht mehr, nur „nicht dafür“ zu sein. Die Stimmungslage ist so stark gekippt, dass wir aktiv werden MÜSSEN. Ob durch Geld- oder Sachspenden, eine Googlesuche „[Deine Stadt] + Flüchtlingshilfe“ bringt dir viele Adressen. Und vor allem müssen wir den Mund aufmachen. Ausländerfeindliche Reden nicht unkommentiert stehen lassen, in den sozialen Netzwerken, im Blog ein Statement abgeben. Nehmt das Thema ernst.

Das Böse triumphiert allein dadurch, dass gute Menschen nichts unternehmen. (Edmund Burke)

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Zum Weiterlesen:

In meinem Büro ist Gutmensch ein Schimpfwort

Jetzt lernen Sie meine Oma kennen – und meine Meinung

Zurück aus der Sommerpause!

sukkulente

Ich bin zurück! Und entschuldige mich erst mal für das plötzliche Verschwinden ohne Vorwarnung. Für ganze zwei Monate. Shame on me.

Irgendwie gab’s nichts mehr zu sagen. Und dann wurde es so heiß und ich musste das letzte bisschen Hirnschmalz, das sich noch nicht verflüssigt hatte, für meine Doktorarbeit hergeben.

Aber jetzt bin ich wieder da und habe neue Ideen.

Ich habe das Gefühl, der Blog ist ein bisschen abgedriftet zu „Schaut mal, was ich Neues ausprobiert habe“ und ich möchte ein bisschen zurück zum Erzählerischen. Denn, Überraschung, jeden Tag neue Sachen zu machen ist anstrengend und so gar nicht minimalistisch.

Und außerdem habe ich auch keine Lust.

Darum werde ich euch wieder mehr von Dingen erzählen, die ich eben bewusst nicht mache und bei denen es beim Ausprobieren geblieben ist. Und vielleicht Ideen öfters wieder aufgreifen und mehr die Entwicklung schildern, statt jedes neue Haarwaschmittel auszuprobieren ;).

Wir werden sehen. Auf jeden Fall habe ich Lust, meine Ideen und meine Entwicklung wieder öfters hier festzuhalten.

PS: Auf dem Foto oben könnt ihr sehen, wie sich eine Sukkulente bedankt, wenn man sie sechs Wochen auf der Bürofensterbank vergisst und dann endlich wieder gießt.

PPS: Eigentlich wollte ich das Foto nur meiner Mama zeigen, von der ich die Pflanze als Ableger bekommen habe. Richtig hübsch, ne?

Schräge Biere

Seit ich unter die Brauerinnen gegangen bin, entwickle kultiviere ich einen leichten Spleen für schräge Biere.

Hier sind meine neusten Funde:

Ganz links ein „Magisch Dunkel“, das in der Vollmondnacht gebraut wurde. Kennt jemand die Vorteile von nächtlichen Brausessions bei Vollmond? Schmecken tut’s auf jeden Fall, ich mag aber generell dunkle Biere.

In der Mitte sehr schick das „Gepflegte Pils“. Ja, so sieht er aus, der Mann mit Zylinder. „Jetzt wäre doch genau der richtige Moment für ein Gepflegtes Pils“, könnte ich ja auch wirklich sehr gut in meinen Alltag integrieren. Nur leider schmeckt’s halt wie Pils. Also nicht.

Abgehängt auf dem dritten Platz der Mann mit der braunen Weste auf dem Hellen. Fast schon langweilig gegenüber den anderen beiden. Da hab ich auch glatt vergessen, wie’s schmeckt. So überragend kann’s ja dann nicht gewesen sein.

Bei den anderen beiden Bieren ist auch die Flasche schicker. Und in die könnte man ja auch Selbstgebrautes abfüllen. Immer lecker.

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Das Glück der abflachenden Lernkurve

Kennt ihr mich noch? 🙂 In letzter Zeit war ich nicht sehr aktiv hier auf meinem Blog. Das liegt daran, dass ich gerade meine Doktorarbeit angefangen habe und damit beschäftigt bin, eine steile Lernkurve hinaufzuklettern.

Jedes mal, wenn ich etwas neues beginne, bin ich erstaunt, wie anspruchsvoll die erste Zeit ist. Auch wenn ich wie jetzt das Umfeld kenne und eigentlich nur das spezielle Thema neu war.

Aber das stimmt nur bedingt. Denn auch ein Positionswechsel an sich (von Masterandin zu Doktorandin) bringt andere Aufgaben mit sich, andere Gestaltungsmöglichkeiten. Da muss das Hirn erst mal mit klar kommen.

Denn das Gehirn benutzt ja mit Vorliebe die immer gleich bleibenden Bahnen. Neue anzulegen, dauert länger und kostet Energie. Also bleibt es schön in seiner Komfortzone.

So langsam flacht meine Lernkurve aber Gott sei Dank ab, mein Hirn hat die neuen Bahnen angelegt und es wird wieder gemütlich in meiner neuen Komfortzone.

Was ich zusätzlich gelernt habe, ist, dass ich zu jeder Zeit nur in einem Bereich meines Lebens  außerhalb meiner Komfortzone agieren kann. Sonst wirds zu anstrengend.  Naja, vielleicht gehen auch mal zwei Bereiche, je nachdem wie viel es dabei neu zu lernen gibt. Aber ich merke ziemlich schnell, dass meine Laune in den Keller geht, wenn ich mir zu viel auf einmal vornehme.

Ein typischer Fall von: Der Mensch überschätzt, was er kurzfristig erreichen kann und unterschätzt, was er langfristig erreichen kann. Diese (wissenschaftliche) Erkenntnis halte ich mir immer wieder vor Augen. Sie motiviert mich, meine Komfortzone zu verlassen und ein paar Monate in der unbequemen Position zu bleiben, bis sie gemütlich wird und ich mal wieder erstaunt bin, wie weit ich schon gekommen bin. Das Glücksgefühl, etwas geschafft zu haben, klüger zu sein als vorher, ist auch nicht zu unterschätzen.

Ich glaube, die erste Phase als Neu-Doktorandin habe ich überstanden, die Lernkurve flacht so langsam ab. Darum werde ich wieder Hirnkapazitäten frei haben, um Artikel für euch zu schreiben. Ich freu mich drauf.

Um was geht es hier?

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Vielleicht habt ihr bemerkt, dass ich die Kategorien, die ihr auch im Menü oben findet, ein bisschen angepasst habe.

Nach den ersten Artikeln ist mir aufgefallen, dass ich auf keinen Fall einen reinen Minimalismusblog schreiben werde, auf Reisen bin ich auch nicht ständig (hach, wie traumhaft wäre das denn…).

Durch die Nachhaltigkeitsakademie (auf der ich vor allem das hier gelernt habe) und viele tolle Blogs (wie zum Beispiel Marias) bin ich außerdem wieder mehr auf das Nachhaltigkeitsthema geschubst worden. Wurde auch Zeit! Darum habe ich für dieses wichtige Thema eine extra Kategorie eingeführt. Minimalismus und Nachhaltigkeit haben zwar viele Schnittmengen, sind aber zwei separate Dinge und sollten darum auch als solche gekennzeichnet sein.

Außerdem habe ich vor, für mich als Denkstütze und für euch als Anschubs oder Hilfestellung auch immer wieder mal das Thema Lernen, persönliche Weiterentwicklung und Fähigkeiten aller Art aufzugreifen. Dafür werde ich über meine persönlichen Lernerfahrungen schreiben oder ganz konkrete Anleitungen posten. Artikel zu diesen Themen werde ich in der Kategorie Skills sammeln.

Den Link zu Olis und meinen Reiseblogs habe ich jetzt übrigens von der „Über mich“-Kategorie in die „Reisen“-Kategorie verschoben. Macht doch Sinn, oder?

Artikel wie diese hier gehören in die Kategorie Meta, also wenn ich auf meinem Blog über meinen Blog schreibe. Ganz schön meta. Aber vielleicht fällt jemandem von euch auch noch ein passenderer Name ein. Mein Gehirn hat keine Lust mehr, sich darüber Gedanken zu machen.

Es will jetzt essen gehen.

Pizzaschnecken. Wer kann da schon nein sagen.

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